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Thomas Macho

FAMILYSCULPTURES
GENEALOGIE ALS PERFORMANCE

1. Der Name

Rätselhafter Moment des Beginns: Ein Mensch kommt auf die Welt, als wäre er gerufen worden: an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Minute, an einem bestimmten Ort. Das Datum ist sein erster Name – ein Name, an dessen Bedeutsamkeit niemand zweifelt: Horoskope werden aufmerksam studiert. Daten sind Eigennamen. Ein Name wird ebenso wenig gewählt wie der Tag der Geburt. Besser gesagt: Wir tragen einen Namen, weil und insofern wir geboren wurden. Der Name wird in einem frommen und bürokratischen »Taufakt« verliehen. Der Name ist ein Zeichen für das Unbegreifliche, eine Chiffre wie das Datum. Erst mit der Namensgebung wird die Geburt ratifiziert: Seither müssen wir unser Leben mit einem Namen verbinden, den wir gar nicht gewählt haben, einem Fremdnamen, der uns als Eigenname zugesprochen wurde. Der Namensauftrag, der dem neugeborenen Leben rituell erteilt wird, repräsentiert die verschiedensten, häufig unbewussten Motive der Auftraggeber: Regionale Konventionen spielen eine Rolle, Genealogien, Erinnerungen, Traditionen, Moden, Originalitätswünsche, Ideologien, private Obsessionen. Der Name verkörpert – im schlimmsten Fall – ein tragisches Lebensprogramm, mit dessen Entschlüsselung ganze Scharen von Familientherapeuten beschäftigt werden können.

Und wenn ich ein anderer werden will, als meinem Auftrag entspricht? Nicht besser kann ich solcher Umkehrung Gestalt verleihen als durch eine Namensänderung. Aus Saulus wird Paulus – nach Damaskus. Wer ins Kloster eintritt, erhält einen neuen Namen. Schriftsteller wählen sich Pseudonyme, Künstler oder Schauspieler einen Künstlernamen. Berufsbezeichnungen, die mit dem Namen verschmelzen, signalisieren eine Veränderung. Spitznamen oder Kosenamen drücken tiefes Vertrauen aus, sei es im Freundeskreis oder in der Liebe. Mit Beginn des Ehestands verwandeln sich die Namen der Frauen oder die Namen der Männer. Päpste wählen einen neuen Namen, um die Intentionen ihrer Regierung zu veranschaulichen, desgleichen Fürsten, Könige und Kaiser. Die Namensänderung wirkt wie ein Schnitt durch biographische Zwangsläufigkeiten. Als autonome Entscheidung tilgt sie den Zufall des Auftrags, dem wir bewusstlos verschrieben wurden. Denn ich selbst bin es nun, der seinen Namen wählt, ich selbst benenne die Mission, der mein Leben unterworfen werden soll. Mit meiner Namensänderung übernehme ich – im Geist unverzichtbarer Anmaßung – die Patenschaft für mein Dasein. Denn die »Hauptsache, das Alleinseligmachende ist immer, dass ein Mensch in bezug auf sein eigenes Leben nicht sein Onkel ist, sondern sein Vater.«1

2. Der Stammbaum

Die Namen bezeugen nicht nur Wünsche und Aufträge der Eltern, sondern auch den Respekt (wörtlich: die »Rückschau«), der den Vorfahren und Ahnen geschuldet wird. Der Name stiftet zeitliche Zusammenhänge: ein genealogisches System. Spätestens seit dem Mittelalter wurde der Stammbaum – als Baum der Ursprünge und Herkunftslinien – in zahlreichen Varianten gezeichnet: als eine geometrisch geordnete Konstruktion (die nur noch entfernt an eine Pflanze erinnert) oder als nahezu chaotische Figur, die einer modernen »mind map« ähnelt; gelegentlich wurde er als »arbor consanguinitatis« oder »arbor affinitatis« gezeichnet, um den logischen Zusammenhang verschiedener Verwandtschaftsgrade zu demonstrieren, dann wiederum als dynastisches System zur Begründung von Herrschaftsansprüchen. Er wurde etwa in verschiedenen Spielarten als Stammbaum Jesu, als »Wurzel Jesse« gemalt, die unter Berufung auf das Buch Jesaja (Jes. 11,1) vom zumeist ruhenden Vater Davids ausging, um in den Verzweigungen – die weniger an Äste als an Schlingpflanzen erinnerten – die Brust- oder Vollbilder der Vorfahren Christi zu zeigen; und er wurde als philosophischer Ableitungsbaum entworfen: als systematisches Gewächs, das vom Sein (»ens«) oder von der Substanz (»substantia«) bis zum konkreten Individuum (»homo«, oft Plato oder Paulus genannt) zu führen versprach.

Abstammungsbäume ordneten die Welt, indem sie ihr einerseits ein chronologisches Rückgrat verliehen, andererseits die Gattungen und Arten des Seins hierarchisch zu differenzieren versuchten. Der erste Philosophenbaum wurde übrigens dem Neuplatoniker Porphyrios (233–304) zugeschrieben. Komplexere Stammbäume lösten – wohl nicht zufällig ab dem 17. Jahrhundert – die älteren Darstellungsmodelle des »arbor consanguinitatis« oder der »Wurzel Jesse« ab; im 19. Jahrhundert avancierten sie zur populärsten Visualisierung zeitlicher Ordnungen überhaupt, die in allen Wissenschaften – von der Biologie bis zur Sprachwissenschaft – Verwendung fanden, zunehmend aber auch im kulturellen Alltag. Der Baum entwickelte sich zum prägenden Strukturmodell des Wissens schlechthin: Bis heute werden Datenbanken gelegentlich wie Bäume organisiert, und auch die Evolutionsgeschichte oder die Entwicklung von Kunst- und Stilrichtungen lässt sich nach wie vor leicht mit dem Bild eines Baumes in Einklang bringen. Norbert Elias behauptete überzeugt: »In der Tat kann man das Wachstum des Wissens mit dem eines Baumes vergleichen: im Holz des älteren Baumes bleibt seine Oberflächengestalt als junger Baum immer noch als eine innere Schicht oder ein Ring innerhalb der größeren Gestalt sichtbar.«2

3. Die Kunst

Gilles Deleuze und Félix Guattari gelangten bekanntlich bei ihrem Versuch, konservative Modelle der Wissenssystematik zu überwinden, vom Baum zum Wurzelwerk der Flechten und Pilze – zu den »Rhizomen«: Das »Netz« ist gleichsam zum Nachfolgemodell des Stammbaums aufgestiegen. Zwar können wir im Internet – besser als jemals zuvor – den eigenen Stammbaum recherchieren und in eine vorab programmierte Visualisierung eintragen; doch nutzen wir das Netz viel häufiger, um horizontale Verbindungen zu knüpfen, Kontakte quer über Nationen, Kontinente und Zeitzonen. Verwandtschaft ist lediglich interessant, sofern sie bisher unbekannt war, und selbst dann tritt sie – im Vergleich mit den Möglichkeiten des Flirts und der offenen Kommunikation – in den Hintergrund. Die Dominanz genealogischer Ordnungen – System der Abstammungspflichten – hat sich aufgelöst, wobei dieser Auflösungsprozess nicht nur durch rechtliche Neufassungen des Namensrechts, sondern auch durch die vielfachen Manipulationsstrategien der Gen- und Biotechnologie erleichtert wird. Die althergebrachten Großfamilien – mit mehreren Generationen – werden überboten durch neue »Patchwork-Familien«, durch eine flexible Vielfalt der Beziehungen, Liebesverhältnisse und strukturellen Adoptionen, die sich keiner Chronologie der Herkunft mehr unterwerfen lassen.

Neuerdings ist Wasser – »Strom« – viel dicker geworden als Blut. Verwandtschaft wird nicht mehr als Natur oder Schicksal erlitten, sondern gleichsam als freie Kunst praktiziert: als Spiel der Ähnlichkeiten und Ver-wandlungen. Genealogie als Kunst, als Performance: Besonders deutlich wird dieser Wandel der Genealogie zum Spiel virtueller Gemeinschaften in den Familysculptures von Angela Dorrer. Auf Grundlage moderner Technologie der Datenerfassung generiert sie Namens-Communities, nämlich die Menge aller Menschen, deren Nachname »Dorrer« lautet. Es spielt keine Rolle, ob die Namensverwandtschaft auch eine tatsächliche Verwandtschaft widerspiegelt, und ebenso gut hätte sie auch die Menge aller Menschen bilden können, die am 1. April Geburtstag feiert oder deren Telefonnummer mit der Ziffer 13 beginnt. Aber dann wäre die Zufälligkeit dieser Mengen von Anfang an ins Bewusstsein getreten. Indem Angela Dorrer an die Magie immer schon zufälliger Namen erinnert, kann sie eine Gemeinschaft – wie eine Skulptur – erzeugen, die mit dem Zufall umgeht wie mit einer Not-wendigkeit. Die Mitglieder dieser neuen Community investieren sogar ihre Kleider, äußerliche Attribute wie die Namen selbst (und ehemals genau so signifikant, als Rang und Beruf durch die Kleidung zum Ausdruck gebracht wurden). Doch sie bilden kein genealogisches System, sondern ein Kunstwerk.

Anmerkungen

1. Sören Kierkegaard: Entweder–Oder. Teil II. Herausgegeben von Hermann Diem und Walter Rest. Übersetzt von Heinrich Fauteck. München 1988, Seite 834.
2. Norbert Elias: Engagement und Distanzierung. Arbeiten zur Wissenssoziologie I. Herausgegeben von Michael Schröter. Frankfurt/Main 1983, Seite 104.


Aus: “U C D - United Collection of Dorrer”, 160 Seiten, 82 Farbseiten, German/English, essays by Thomas Macho, Andreas Kühne, Hannes Fehringer und Stefan Lindl, Verlag für Moderne Kunst Nürnberg 2005

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